Napoleon und Österreich - zum 200. Todestag des französischen Kaisers

Erstellt von DDr. Karl-Reinhart Trauner |

1821 Jahren starb eine der bekanntesten, aber auch umstrittensten Gestalten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts: Napoleon Bonaparte, zwischen 1804 und 1814/15 Kaiser der Franzosen. Nicht einmal die groben Eckdaten seines Lebens sind schnell berichtet.

 

1769 in Ajaccio auf Korsika geboren, machte Napoleon wegen seines herausragenden militärischen Talentes während der Französischen Revolution in der Armee eine schnelle Karriere. 1799 übernahm er als Erster Konsul der Französischen Republik die Macht in Frankreich, 1804 krönte er sich selbst zum Kaiser. Während dieser Zeit überzog er praktisch ganz Europa und Teile von Nordafrika mit zahlreichen Feldzügen und drückte der europäischen Politik seinen Willen auf.
In Reaktion auf die aggressive Machtentfaltung Napoleons erhöhte der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der Habsburger Franz II., Österreich zu einem Kaisertum und wurde als österreichischer Kaiser Franz I. 1806 legte er schließlich die Krone des Heiligen Römischen Reiches nieder, das damit nach rund 1000 Jahren zu bestehen aufhörte.
Die Innenpolitik Frankreichs bestimmte Napoleon diktatorisch, führte aber auch zahlreiche Reformen durch, die bis in die Gegenwart hinein prägend sind. Dazu zählt der Code civil, womit nicht nur in Frankreich, sondern in allen Staaten, die politisch von Frankreich abhängig waren, das moderne Zivilrecht initiiert wurde.

Verbannung auf die Inseln Elba und St. Helena, Tod am 5. Mai 1821
Der katastrophale Ausgang des Feldzugs gegen Russland, den er ab 1812 führte, leitete den Niedergang von Napoleons Herrschaft ein. In den Befreiungskriegen bäumte sich Deutschland gegen die französische Herrschaft auf. 1813 konnte Napoleon in der Völkerschlacht von Leipzig vernichtend geschlagen werden und wurde auf die Insel Elba verbannt. Nach wenigen Monaten jedoch kehrte er 1815 für hundert Tage an die Macht zurück. In der Schlacht bei Waterloo wurde er endgültig besiegt und bis zu seinem Lebensende auf die Insel St. Helena im Südatlantik verbannt. Dort starb er am 5. Mai 1821.

Einschätzungen seiner Person
Noch vielgestaltiger als sein Leben sind die Einschätzungen seiner Person. Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel bezeichnet ihn 1806 anerkennend als „der Kaiser – diese Weltseele“, gleichzeitig fiel er durch seine Volksnähe auf. Wenige Tage später trat er besiegten deutschen Offizieren gegenüber, die ihn als „kleinen Mann in grauem Rocke und schlichtem Hute“ erlebten. Auf der einen Seite beschwor Napoleon immer wieder den Frieden; so schrieb er beispielsweise an Erzherzog Karl, den Oberbefehlshaber der österreichischen Armee und Bruder Kaiser Franz II., 1797: „Haben wir nicht genug Menschen getötet und der trauernden Menschheit genug Übel zugefügt?“ Auf der anderen Seite kostete seine rund 15 Jahre andauernde, ausgesprochen offensive militaristische Politik Millionen (!) Soldaten das Leben.
Auch Österreich hatte durchaus wechselvolle Erfahrungen mit Napoleon. Zwar heiratete der französische Kaiser im Jahr 1810 Marie-Louise von Österreich, die älteste Tochter des österreichischen Kaisers Franz I. Es war dies Napoleons zweite Ehe; 1796 hatte er Joséphine de Beauharnais geehelicht, sich von ihr aber 1809 scheiden lassen. Aus der Ehe mit Marie-Louise ging 1811 Napoleon II. Franz Joseph Karl hervor, der später den Namen Franz Herzog von Reichstadt führte. Andererseits aber belagerte und eroberte Napoleon 1809 Wien, beschoss die Stadt und residierte sogar für einige Zeit in Schönbrunn; ein höchst erniedrigendes Vorgehen für Österreich.

Immer wieder Kriegszustand mit Österreich
Immer wieder befand sich Napoleon in Kriegszustand mit Österreich, wobei Niederösterreich oft im Zentrum des militärischen Geschehens war. So fand 1805 in der Wachau die Schlacht bei Dürnstein (oder Schlacht bei Loiben) statt, noch heute erinnert ein Denkmal daran. Wenige Tage später gab es das Gefecht bei Hollabrunn und Schöngrabern.
Es war aber auch Österreich, das dem Feldherren, der den Ruf der Unbesiegbarkeit hatte, die erste Niederlage beibrachte. Als 1809 Napoleon Österreich bekriegte und dabei auch Wien belagerte, gelang dem österreichischen Oberbefehlshaber, Erzherzog Karl, in der Schlacht bei Aspern – heute ein Teil des 22. Wiener Bezirkes – am 21./22. Mai 1809 der erste Sieg über den französischen Kaiser und General. Kaiser Franz sprach seinem Bruder Erzherzog Karl die höchste Anerkennung aus: „Ihnen war es vorbehalten, das fünfzehnjährige Waffenglück des stolzen Gegners zuerst zu unterbrechen. Sie ... sind der Retter des Vaterlandes, das Ihnen, so wie der Monarch ewig danken und Sie segnen wird ...“
Erzherzog Karls Generalquartiermeister (Generalstabschef) war übrigens Maximilian von Wimpffen, der in Großwetzdorf begraben liegt.
Der Sieg von Aspern bewirkte allerdings beim Wiener Hof weit überzogene Erwartungen. Entgegen dem dringenden Ratschlag des militärisch erfahrenen Erzherzogs Karl bestand der Kaiser auf eine Entscheidungsschlacht. In Deutsch Wagram wurde am 5./6. Juli 1809 das österreichische Heer jedoch geschlagen; nicht zuletzt deshalb, weil Erzherzog Johann mit seinen Truppen entgegen den Anordnungen des Oberbefehlshabers seinen Einsatz verzögerte. Napoleon nahm während der Schlacht übrigens seinen Hauptsitz im Schloss Wolkersdorf. In Wagram erinnert an die Schlacht ein Museum in jenem Haus, in dem Erzherzog Karl Quartier genommen hatte.
Das Ergebnis der Schlacht war für Österreich katastrophal: Die Armee war abgenutzt, der Kaiser musste aus Wien fliehen und Napoleon zog in Schönbrunn ein – es wurde bereits angesprochen. Erzherzog Karl, der nach Aspern stets für einen raschen Frieden mit Frankreich eingetreten war, fiel in Ungnade, wurde seines Amts enthoben und nahm schließlich den Abschied, wobei der Kaiser ohne entsprechende militärische Erfahrung selber das Oberkommando übernahm.
Immerhin wurde dem Sieger von Aspern 50 Jahre später ein prominentes Denkmal gesetzt: Das Erzherzog-Carl-Denkmal, geschaffen von Anton Dominik Fernkorn, steht am Heldenplatz in Wien. Das originale Modell dazu, weswegen Kaiser Franz Joseph den endgültigen Auftrag zum Denkmal gab, befindet sich übrigens im Schloss Dobersberg. Ungefähr gleichzeitig mit dem Erzherzog-Carl-Denkmal am Heldenplatz entstand der „Löwe von Aspern“ am Asperner Heldenplatz vor der dortigen Kirche, ein Kriegerdenkmal für die in der Schlacht gefallenen österreichischen Soldaten.
Mit der Niederlage Napoleons in Russland, an der Österreich jedoch nur geringen Anteil hatte, wandte sich für den französischen Kaiser das Kriegsglück. In den Befreiungskriegen, die vor allem von Preußen getragen wurden, sammelte sich der Widerstand gegen die französische Herrschaft. Freiwilligenverbände wurden aufgestellt, von denen das Lützow’sche Freikorps am bekanntesten ist. Es war durch die Farben Schwarz-Rot-Gold gekennzeichnet, die sich zu den deutschen Farben entwickelten.

„Levée en masse“: Vorform der allgemeinen Wehrpflicht
In diesem Zusammenhang tut ein Rückblick not: Die hohe Zahl an Kriegstoten war nicht zuletzt auf die unter Napoleon gebildeten Massenheere zurückzuführen. Seit 1793 war das System der Levée en masse (frz. für Massenaushebung) üblich, also eine Vorform der allgemeinen Wehrpflicht. Während es Frankreich in erster Linie um das Erreichen möglichst großer Truppenstärken ging, wurde das System in den Befreiungskriegen weitergedacht. Nun war die Wehrpflicht Ausdruck einer Pflicht aller Bürger, die damit zu Trägern eines letztlich vordemokratisch ausgerichteten Gemeinwesens wurden. In Preußen wurde eine regelrechte Miliz begründet.

Völkerschlacht bei Leipzig: Radetzky entwarf Operationsplan
Der Höhepunkt im Kampf gegen Napoleon bildete jedoch die Völkerschlacht von Leipzig vom 16. bis 19. Oktober 1813. Die gegen Napoleon alliierten Truppen der europäischen Mächte standen wieder unter dem Oberkommando eines Österreichers: Karl Philipp zu Schwarzenberg. Sein Generalstabschef, der den Operationsplan der Schlacht in wesentlichen Zügen entwarf, war ebenso Österreicher: der junge Josef Radetzky. Leipzig bedeutete das Ende der napoleonischen Herrschaft in Europa, er wurde ehrenhaft auf die Insel Elba zwischen Korsika und dem italienischen Festland verbannt. 
Nach dem siegreichen Feldherrn Schwarzenberg wurde nicht nur der Schwarzenberg-Platz in Wien benannt, sondern hier auch 1863 ein monumentales Denkmal für ihn errichtet. Daneben war im vormaligen Palais des Erzherzogs Viktor Ludwig das Offizierscasino untergebracht; heute hat hier die Offiziersgesellschaft Wien und der Verein Alt-Neustadt noch ein Vereinslokal. Radetzky hat am Heldenberg im niederösterreichischen Kleinwetzdorf seine letzte Ruhestätte gefunden. An die erfolgreiche Schlacht von Leipzig erinnert das Äußere Burgtor am Heldenplatz in Wien. Es wurde 1824 vollendet. Heute befindet sich hier unter anderem das Ehrenmal des Österreichischen Bundesheeres.
Der Versuch Napoleons, seine Macht wiederherzustellen, scheiterte bald in der Schlacht von Waterloo in Belgien; Österreich hatte hier nur bedingt Anteil. Die Neuordnung Europas aber erfolgte wieder unter österreichischer Federführung beim Wiener Kongress vom September 1814 bis zum Juni 1815. Der „Kutscher Europas“, der österreichische Staatskanzler Metternich, stellte weitgehend den Zustand vor der Französischen Revolution wieder her. Die kommenden Jahre waren durch einen politischen Stillstand und Restauration in der europäischen Politik bestimmt – aber das ist eine andere Geschichte.

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Napoleon im Arbeitszimmer mit Hand in der Weste (Gemälde von Jacques-Louis David, 1812)
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Kaiser Franz II - Gemälde von Friedrich von Amerling, Kunsthistorisches Museum Wien
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Erzherzog-Carl-Reiterdenkmal, Heldenplatz Wien
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Karl Philipp zu Schwarzenberg, Schwarzenbergplatz Wien
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Autor DDr. Karl-Reinhart Trauner - hier bei einem ÖKB-Vortrag in Hochwolkersdorf im Jahr 2019 - ist Militärsuperintendent und Historiker. Er ist als evangelischer Landesseelsorger Mitglied im Präsidium des NÖKB.